Artikel vom 02. Januar 2018

2016 hatte sie den Zenit erreicht: Der erste Band ihrer Trilogie „Monday Club“ – „Das erste Opfer“ – lief hervorragend. Er wurde mit dem rheinland-pfälzischen Jugendbuchpreis „Goldene Leslie“ ausgezeichnet. Den zweiten – „Der zweite Verrat“ – stellte Krystyna Kuhn gerade vor, auf der Frankfurter Buchmesse präsentierte der Oetinger Verlag ihr Werk als Spitzentitel. Doch dann: der Bruch. Krystyna Kuhn tauchte ab. Erst einmal verständlich, denn vom dritten Band der Trilogie, „Die letzte Rache“, war im Herbst erst die Hälfte geschrieben. Die Lohrerin musste schreiben. Zwölf Seiten am Tag. Band drei komme am 24. Oktober 2016, hatte sie im Mai angekündigt. „Aus der Nummer komme ich auch nicht mehr raus, weil es schon angekündigt ist“, sagte sie damals dieser Redaktion. Der Termin stand. Im August musste sie liefern. Der Verlag machte Druck. „Wenn es in zwei Wochen nicht da ist, wird es nicht gedruckt.“ Vier Wochen länger hätte sie noch gebraucht, schätzt sie. Die Lektorin schickte jeden Tag aufmunternde Karten. Doch der Druck war immens. „Zieh ich’s durch oder nicht?“, war die Frage, mit der sich die gebürtige Würzburgerin herumquälte. „Ich hab mich dann entschieden, es nicht durchzuziehen“ – Schreibblockade! Der dritte Band ist bis heute nicht erschienen. „Das erste Opfer“ war der Titel des ersten Bandes der „Monday Club“-Trilogie. „Das Tal“ eine Jugendbuchserie, beginnend 2013. Beide Titel wurden irgendwie symptomatisch für Kuhn. Sieben Jahre lang hatte sie sieben Tage die Woche gearbeitet. Jetzt war sie ausgebrannt. Kuhn legte ein Sabbatjahr ein. Nur ihre Fangemeinde ließ sie nicht im Stich. „Ständig kommen E-Mails von Fans, die nach dem dritten Band fragen“, erzählt sie. Sie beantwortet alle selbst, erklärt ihre Situation – und trifft damit auf Verständnis, wie sie festgestellt hat. Krystyna Kuhn Foto: Roland Pleier Der August 2016 war eine Zäsur. „Wenn Du eine Marke bist“, erklärt die 57-Jährige, „und wenn dann das dritte Buch deiner Trilogie nicht erscheint, dann hat der Name an Wert verloren.“ Das macht sich freilich bemerkbar, auch finanziell. Doch Krystyna Kuhn hat nicht nur verloren; inzwischen hat sie sich auch selbst wieder gefunden. „Ich habe mich gefragt, ob ich eine Schriftstellerin sein will, die marktkonform ist, oder eine Schriftstellerin, die Geschichten erzählen will.“ In ihrem Sabbatjahr habe sie sich für Letzteres entschieden. Und so schreibt sie jetzt wieder weiter an der unvollendeten Trilogie, dem dritten „Monday Club“-Band. „Weil die Geschichte gut ist und weil sie zu Ende geschrieben sein muss von mir“, sagt sie – auch wenn sie bis heute nicht weiß, was draus wird. Neue Bücher unter einem anderen Pseudonym zu veröffentlichen, wäre womöglich eine Hintertür. Aber: „Ich für mich bin und bleibe Krystyna

Kuhn.“ Wird „Monday Club“ sogar verfilmt? Ein Jahr lang nichts mehr zu schreiben, habe sie „gar nicht so gequält“, erzählt sie. Sie habe sich ja bewusst dafür entschieden, weil sie gemerkt habe, dass der Druck ihrer Gesundheit schadet. Doch jetzt lebt sie wieder auf. Erst neulich habe sie eine Anfrage erreicht, ob sie einverstanden wäre, wenn ihr Werk verfilmt würde – noch bevor Band drei vollendet ist. Der Piper-Verlag habe in sein E-Book-Programm Krimis von ihr aufgenommen, die sie vor zehn Jahren veröffentlicht hat. Das beflügelt – ebenso wie die Zusammenarbeit mit Autor Christian Handel aus Steinfeld (Lkr. Main- Spessart). Mit ihm arbeitet sie an einem Märchen. Sich in dieses Metier einzuarbeiten, findet sie, die bisher Krimis und Jugendbücher geschrieben hat, reizvoll. „Das Schreiben von Jugendbüchern muss man sich fast mechanisch vorstellen“, verdeutlicht sie. „Man erfindet einen Plot nach dem anderen und den muss man abarbeiten. Das bedeutet aber einen großen Verlust von eigener Intuition.“ Jetzt mit Handel eine neue Form auszuprobieren, empfinde sie als „befreiend und entspannend“. Ein Studium motiviert Nicht genug damit. Kuhn hat ein Studium aufgenommen: Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus an der Faber-Castell-Akademie. Das bedeutet: in jedem Monat ein Wochenende in Stein bei Nürnberg. Und nach jedem Modul eine Hausarbeit schreiben. Mal lautet die Aufgabe: „Schreiben Sie eine Fabel“, und ein anderes Mal ist ein literaturwissenschaftliches Thema zu bearbeiten. Praxisbezogen sei das und zeitaufwendig, sagt sie. „Das motiviert mich unheimlich.“ „Wie ich wurde, was ich bin?“ Auch diese Aufgabenstellung habe ihr bei ihrer Neupositionierung geholfen. „Ich bin Realist“, sagt Kuhn über sich: „So wie es ist, ist es. Durch Hadern kann man nichts verändern.“ An einem hält sie fest: Sie will Schriftstellerin bleiben. „Schriftstellerin sein, das ist eine Existenzform. Das möchte ich nicht aufgeben.“ Wohl aber definiert sie ihre Berufung neu. „Tatsache ist ja: Ich hab keine Ausbildung“, holt sie aus. Sie habe ja nur Germanistik und Kunstgeschichte studiert, war Redakteurin in einer Softwarefirma, bevor sie sich 1998 der Schriftstellerei verschrieb. Keineswegs erfolglos möchte sie das ganze jetzt mit dem Studium „professionell angehen“ – um dann „auf Augenhöhe mit den Verlagen zu kommunizieren“. Noch sieht sie sich nicht reif dafür, noch hat sie die Beziehung zu ihrem jetzigen Verlag nicht abschließend geregelt, noch sucht sie keinen neuen. Doch als Schreibende, als eine, die Geschichten erzählt, hat sie sich wiedergefunden. Beim Projekt „Monday Club“ habe sie es mit mehreren Beteiligten zu tun gehabt: Dramaturgen, Agenten, Lektoren, Programmchef. „Jetzt redet erst Mal keiner rein“, atmet sie auf. „Diese Befreiung ist auch wichtig, weil ich jetzt schreiben kann, wie ich will.“

Und siehe da: Es läuft wieder. „Letztes Jahr habe ich für einen Satz drei Stunden gebraucht“, gesteht sie. „Jetzt habe ich in Nullkommanix eine Seite geschrieben.“

Quelle: http://www.mainpost.de/ueberregional/kulturwelt/kultur/Eine-Lohrerin- und-die-Vollendung-des-Unvollendeten;art3809,9854138
© Main-Post 2018

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